
Ein Interview mit Prof.in Dr.in Christiane Rau, Innovationsforscherin und Leiterin Sustainable Solutions (FH OÖ).
Welche Skills (fachlich und persönlich) benötigen Ihrer Ansicht nach Absolventen, die im Nachhaltigkeitsmanagement Fuß fassen wollen?
Christiane Rau: Fachlich: Eine solides technische Fundament! Wer heute Nachhaltigkeit steuern will, muss sich in Produktionsprozessen, Materialflüssen und Produktentwicklung genauso auskennen wie in Betriebswirtschaft und Datenanalyse. Es geht nicht um schöne Hochglanzberichte – sondern um messbare Resultate: Wie sparen wir Ressourcen, wie dekarbonisieren wir Prozesse, wie sichern wir Rohstoffe? Das kann man nur diskutieren, wenn man mit den Technik-Kolleg:innen wirklich auf Augenhöhe ist.
Persönlich: Ganz klar: Transformationskompetenz! Eine Studie der WU von Prof. Weder und Kollegen aus diesem Jahr zeigt es deutlich: Gefragt sind Menschen, die Veränderung nicht nur aushalten, sondern treiben. Das heißt: Kommunikationsstärke, Konfliktfähigkeit, Mut zum Widerspruch – und die Fähigkeit, verschiedene interne und externe Interessen an einen Tisch zu holen. Am Ende geht es immer um Mehrwert: Für einige ist es die Verantwortung für künftige Generationen, für andere sind es neue Marktchancen oder bessere Finanzierungskonditionen. Wer das nicht verbinden kann, bleibt wirkungslos.
Wie vermitteln Sie diese Skills?
Christiane Rau: Wir setzen auf eine Mischung aus solidem Fachwissen und echter Projektpraxis. Unsere Studierenden starten mit einem technisch-wirtschaftlichen Fundament: Ingenieurwissenschaften, Produktionssysteme, Prozessoptimierung, aber auch Umweltmanagement, BWL, Recht. Gleichzeitig arbeiten sie vom ersten Semester an in realen Projekten mit Unternehmen – nicht an künstlichen Fallstudien, sondern an echten Herausforderungen, z.B. wie sich Ressourcenverbrauch schon im Produktdesign simulieren lässt.
Dazu gibt’s jede Menge Kommunikationstraining, Reflexion und Coaching. Wir legen Wert darauf, dass Studierende lernen, verschiedene Parteien mit ins Boot zu holen – sei es über unternehmerische Argumente, gesellschaftliche Verantwortung oder konkrete Innovationen. Transformation bedeutet eben auch, Allianzen zu schmieden und Widerstände produktiv zu nutzen.
Welche Jobs gibt es in der Kreislaufwirtschaft?
Christiane Rau: Kreislaufwirtschaft ist heute weit mehr als klassisches Recycling. Die eigentliche Revolution findet inzwischen viel früher statt – nämlich beim Design: Produkte müssen so entwickelt werden, dass sie langlebig, reparierbar und ressourceneffizient sind. Das Ziel ist es, von Anfang an Kreisläufe zu schließen, sodass Materialien am Ende ihres ersten Lebenszyklus nicht verloren gehen, sondern als Rohstoffe für neue Produkte genutzt werden können.
Genau hier entstehen die spannendsten neuen Berufsbilder: Circular Product Designer:innen, Expert:innen für Life Cycle Assessment, Prozessarchitekt:innen oder Fachleute für resiliente Lieferketten. Wer Wertschöpfungsketten ganzheitlich neu denkt – vom ersten Entwurf bis zum erneuten Einsatz der Ressourcen – ist dort, wo wirklich Innovation passiert.
Ein Aspekt wird in der öffentlichen Debatte aber häufig übersehen: Kreislaufwirtschaft lebt von Vernetzung und Kooperation – und zwar über Branchen, Sektoren und Ländergrenzen hinweg. Das zeigen internationale Initiativen wie der Mailänder Food Policy Pakt, bei dem Städte und Regionen sich verpflichten, gemeinsam nachhaltige Lösungen voranzutreiben. Hier werden unterschiedlichste Akteur*innen eingebunden: von lokalen Produzenten, Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen bis hin zur Zivilgesellschaft. Es entstehen komplexe Allianzen, die nicht nur Recycling optimieren, sondern von der Förderung lokaler Wertschöpfung über steuerliche Anreize bis hin zur Bildung einen echten Systemwandel bewirken.
Für diese neue Dimension braucht es Profis, die solche sektorübergreifenden und geografisch vernetzten Prozesse systemisch steuern, Zusammenhänge erkennen und verschiedenste Interessen koordinieren. Das ist weit mehr als Abfallmanagement – das ist echtes Change-Management auf Makroebene.
Wie sieht die Zukunft der Jobbilder Ihrer Meinung nach aus?
Christiane Rau: Nachhaltigkeit wird zum Jobprofil der nächsten Generation – aber ganz anders, als viele denken. Sie wandert raus aus der Nische und rein in die strategische Steuerung, ins Innovationsmanagement, in die Chefetagen. Unternehmen suchen Generalist:innen, die den Wandel steuern, aber auch Spezialist:innen, die neue Technologien und Daten clever nutzen. Und weil Regularien sich verändern und der gesellschaftliche Druck wächst, wird der unternehmerische Mehrwert von Nachhaltigkeit noch wichtiger: Wer das nicht liefern kann, wird sehr wahrscheinlich langfristig abgehängt.
Für alle, die Veränderung lieben, Komplexität nicht scheuen und Verantwortung übernehmen wollen, sind das interessante Zeiten. Die spannendsten Karrieren der nächsten Jahre entstehen an den Schnittstellen – zwischen Technik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wer da aktiv ist, gestaltet Zukunft – nicht nur für sein Unternehmen, sondern für uns alle.
Für Rückfragen und Kontakt
FH-Prof. Dipl.-Wirtsch.-Ing. Dr. Christiane Rau
Leiterin des Studiengangs Sustainable Solutions FH OÖ
FH-Prof. Dipl.-Wirtsch.-Ing. Dr. Christiane Rau
Mobil: +43 (0)50804-8443855
email: christiane.rau@fh-wels.at
www.fh-ooe.at
(Studienreferenz: Weder et al. (2024): Change Agents for Sustainability. Nachhaltigkeitsmanagement als Kommunikationsrolle in Unternehmen. Forschungsarbeit_Franzisca_7.indd)